DIE DIGITALISIERUNG DES KRANKENHAUSES – EIN INTERVIEW MIT INGA BERGEN, GRÜNDERIN VON VISIONÄRE DER GESUNDHEIT

APRIL 2022 – INTERVIEW

Wie steht das deutsche Gesundheitswesen im digitalen Wandel im internationalen Vergleich da?

“Es ist allgemein bekannt, dass wir von den letzten Plätzen kommen und jetzt tatsächlich aufholen. Dabei macht sich aber auch bemerkbar, dass das deutsche Gesundheitssystem nicht geeignet ist für schnelle Veränderungen und für Digitalisierungsthematiken Zeit braucht. Die Komplexität des deutschen Gesundheitswesens hat dazu geführt, dass Digitalisierungsinitiativen mithilfe von den verschiedensten Lobbygruppen initiiert und geplant wurden. Jetzt sehen wir aber, dass viel stärker auf die Bedürfnisse der Menschen, die wirklich in dem System arbeiten, – Ärztinnen, Ärzte, das Pflege- oder medizinische Fachpersonal – geachtet werden muss. Ich glaube, wir sind jetzt in Deutschland in einer Phase, wo die Digitalisierung in die Praxis kommt – mit allen Problemen, die sich auftun, wenn Dinge von der konzeptionellen Ebene auf eine reale Umsetzungsebene überführt werden. Das heißt, wir stehen jetzt inmitten eines kulturellen Wandels und Paradigmenwechsels.”

Wie beurteilen Sie das Krankenhauszukunftsgesetz in diesem Zusammenhang?

“In erster Linie halte ich es für eine gute Sache. Aber es kann natürlich, wie bei all solchen Gesetzgebungen und Fördergeldern, zu Fehlanreizen führen und dazu verleiten, sich in falsche Strategien zu verlaufen. Wenn ich jetzt Krankenhausvorstand wäre, dann würde ich immer darauf achten, dass ich eine Gesamtstrategie habe, auf die alles einzahlt. Das klingt jetzt ein bisschen wie eine Plattitüde, aber ich glaube, gerade bei kleineren Verbänden, die einfach da nicht so gut aufgestellt sind oder dafür wenig Zeit haben, kann es eben dazu führen, dass man mit einzelnen Projekten loslegt, weil diese über das Krankenhauszukunftsgesetz unterstützt werden. Dadurch wird ein Stück der großen Vision, das große Ganze, aus den Augen verloren. Aber wir brauchen eine starke Vision und gute Strategien – auch in der Gesellschaft –, um eine Vorstellung zu schaffen, was die Digitalisierung erreichen kann. Oft bewegt sich die Diskussion lediglich auf einer total operativen Ebene und Stimmen werden laut, dass die Digitalisierung in den vergangenen Jahren nur Mehraufwand und Bürokratie gebracht hat. Aus meiner Erfahrung in der Unternehmensführung weiß ich, wie wichtig es ist, in einem Change die große Wegrichtung und ihre Attraktivität aufzuzeigen. Das funktioniert nur durch eine gute Kommunikation – nicht nur mit dem medizinischen Fachpersonal auch mit den Patienten und Patientinnen. Dieses Bewusstsein wird dringend im deutschen Gesundheitswesen benötigt. Diese „Last mile to the user“ muss halt mitgedacht werden, sonst funktioniert Digitalisierung einfach nicht.”

Sie sprechen von einer Vision. Wie ist denn Ihre Vision eines Krankenhauses in zehn Jahren?

“Also ich glaube überhaupt nicht daran, dass wir in Zukunft weiterhin diese Silos haben können, die für sich stehen. Das heißt, ich gehe in ein Krankenhaus und muss im schlimmsten Fall 15 Mal die gleichen Papiere ausfüllen. Ich denke, dass wir in der Zukunft Lotsen haben müssen, die nicht direkt in einem Krankenhaus verortet sind und mithelfen, eine gesamte Patient Journey zu bewältigen. Das Krankenhaus wird viel mehr eingebettet sein in die digital unterstützte „User Journey“. Die Kombination aus Überbehandlung und Unterversorgung in den vergangenen Jahren erfordert, zukünftig Menschen auch wirklich abzuholen, ihnen zuzuhören, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und dann auf Basis dieses Vertrauensverhältnisses durch das Gesundheitswesen zu steuern. Ich glaube, jedes Krankenhaus tut sich total gut darin, sich in dieser Patient Journey in einem Kontext zu betrachten und nicht als singuläres Krankenhaus mit einem singulären Business Case.”

Am 7. & 8. Juni 2022 findet das Smart Hospital Excellence Forum statt, an dem Sie als Sprecherin mit dem Beitrag “Weichenstellung für eine erfolgreiche Zukunft: Krankenhaus im digitalen Wandel“ mitwirken. Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht Konferenzen im digitalen Wandel des Gesundheitswesens?

“Also ich habe ja mehrere Start-ups oder Unternehmen im Gesundheitswesen aufgebaut und bin mittlerweile in der strategischen Beratung tätig. Da ist es natürlich total wichtig, zu verstehen, was im Markt passiert. Das kann man teilweise auch, wenn man sich nicht mit Menschen direkt trifft. Aber es ist immer wesentlich schwerer. Um neue Inspiration und auf neue Ideen zu kommen, um sich auszutauschen, um neue Kooperationen einzugehen, die durch Zufall entstehen, spielt das persönliche Zusammentreffen eine wichtige Rolle.

Ich habe viele Vorträge virtuell vor Ärztinnen und Ärzten gehalten zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen und da kamen nie irgendwelche Rückfragen oder Anmerkungen. Ich habe immer super Feedback in den Evaluationen bekommen, aber es hat nie irgendjemand etwas in den Vorträgen direkt gesagt. Irgendwann ging mir dann das Licht auf, dass das Wissen einfach noch nicht so groß ist in dem Bereich. Niemand möchte sich die Blöße geben, irgendetwas anzusprechen oder auch eine These zu äußern, die vielleicht nicht auf einer Faktenlage basiert, und sich damit als unwissend im Bereich Digitalisierung zu outen. Im direkten und persönlichen Austausch ist das natürlich sehr viel einfacher und man kann leichter verstehen, was unterschiedliche Akteure brauchen.”